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Preisverleihung comdirect finanzblog award 2012 – Begründung der Jury

Quickborn/ Berlin, 3. Mai 2012. Seit der Verleihung des comdirect finanzblog awards im April 2011 hat sich an den Finanzmärkten viel getan. Man muss sich nur einmal die einzelnen Stadien der Euro-Krise vor Augen halten, die beinahe zu einer Pleite Griechenlands geführt hätte. Hinzu kommt die Entwicklung an den Aktienmärkten. Dort hat ein massiver Einbruch im zweiten Halbjahr 2011 die Anleger fast schon verzweifeln lassen – genauso wie die darauf folgende massive Erholung im ersten Quartal 2012.

Umso dringlicher waren seriöse und sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt geprüfte Informationen gefragt. Aber nicht nur das. In den vergangenen zwölf Monaten haben sich soziale Medien so intensiv an der Verbreitung von Informationen beteiligt wie nie zuvor. Denn längst ist an den Finanzmärkten nicht mehr nur die überall erhältliche Nachricht gefragt, sondern auch eine schnelle Auswahl, Aufarbeitung und fundierte Interpretation der nur berichteten Fakten. Damit hat die Bedeutung der Finanzblogs noch einmal deutlich an Gewicht gewonnen. Denn im Vergleich zu den Standard-Medien Print und TV zeichnen sich jene vor allem durch ihre Schnelligkeit aus.

So könnte man sagen, ein professioneller Finanzblog arbeitet nicht nur schnell und fundiert, sondern reichert die herkömmliche Berichterstattung außerdem noch um interessante Facetten an, die sich andernorts nicht finden lassen und die für viele Akteure an den Finanzmärkten mittlerweile eine wichtige Grundlage bei ihrer Entscheidungsfindung bilden. Allerdings liegt genau hier auch ein Nachteil begründet. Denn noch immer neigen die Verfasser dieser Analysen dazu, komplexe und schwierige Informationen zu meiden, weil ihnen bei dem enormen Tempo, in dem die Blogs entstehen, die Zeit für deren Aufarbeitung und Deutung fehlt. Dies führt dazu, dass im Grundrauschen der Nachrichten und Kommentierungen vor allem die auffälligen und leicht eingängigen Informationen wahrgenommen werden. Was wiederum zur Folge hat, dass extreme Nachrichten – heraufbeschworene Horrorszenarien und finstere Verschwörungstheorien – eine Bedeutung erlangen können, wie sie ihnen früher, als noch die konventionellen Medien die Informationshoheit ausübten, niemals eingeräumt worden wäre.

Umso wichtiger war es der vierköpfigen Jury, bei der Verleihung des comdirect finanzblog awards 2012 vor allem einen hohen Grad an journalistischer Qualität auszuzeichnen. Als Kriterien galten dabei nicht nur ein profundes Fachwissen in Wirtschafts-und Finanzfragen sowie die sorgfältige und ausgewogene Berichterstattung über Anlagemöglichkeiten in den Märkten. Genauso wichtig erschien es den Juroren, zu überprüfen, wie die Blogs die Möglichkeiten des Internets nutzen und inwieweit sie das Angebot der Standard-Medien sinnvoll ergänzen.

Wie bereits im Vorjahr wurde dabei in besonderem Maße darauf geachtet, dass gewisse Mindeststandards, etwa die Offenlegung des Blogbetreibers im Impressum und die Unabhängigkeit von fremden Interessen, von allen Bewerbern erfüllt wurden. Mehr noch als zuvor wurde außerdem Wert auf das Kriterium einer gewissen „Blog-Klarheit“ gelegt – man wollte wissen, wofür der Blog steht. Merkmale wie Aktualität, Beständigkeit und die Fähigkeit, mit der eigenen Argumentation Diskussionen anzustoßen, spielten bei der Beurteilung ebenfalls eine Rolle. Besonderes Augenmerk galt zudem der Präsentation der Blogs im Netz. Auf die Fähigkeit, mit den Möglichkeiten des Internets zeitgemäß, aber maßvoll umzugehen, wurde dabei besonders Wert gelegt.

Alle preiswürdigen Blogs zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Berichterstattung in Presse, Rundfunk und Fernsehen mit ganz eigenen Beiträgen ergänzen, sei es durch Interpretation und Einordnung des Tagesgeschehens, sei es durch die Vermittlung weiterführenden Hintergrundwissens. Im Gegensatz zum Vorjahr zeigte sich dabei die Tendenz, dass immer mehr Blogs von Zeitungsverlagen betrieben werden, wenn auch leider nicht immer mit ausreichendem Abstand zum eigenen Print-Produkt. Ergänzt wurde dieses Feld von den Auftritten freiberuflicher Finanzexperten und -journalisten, wobei bei Bewerbern aus dem Vorjahr darauf geachtet wurde, ob sich ihr Blog-Auftritt weiterentwickelt hat.

Unter dem Strich lässt sich für den diesjährigen Wettbewerb konstatieren, dass sich die Qualität der Finanzblogs im Großen und Ganzen deutlich verbessert und sich das Feld der Bewerber verdichtet hat. Dies hat einerseits zu einer deutlichen Verringerung des Abstands zu den englischsprachigen Blogs geführt, andererseits hat sich auch die Verständlichkeit der Beiträge enorm verbessert. Und das führt wiederum dazu, dass sich die Mehrzahl der Blogs nicht länger nur an Spezialisten mit Vorwissen wendet, sondern mittlerweile eine breitere, interessierte Öffentlichkeit ansprechen will.

1. Preis: Blick Log
Bei Ökonomie-Themen ist es schwer, die Waage zu halten: Wie tief darf es gehen, damit Nicht-Experten einen Text noch verstehen? Und wie tief muss es gehen, damit Fachleute sich nicht gelangweilt abwenden? Dirk Elsner schafft mit seinem „Blick Log“ täglich den Tanz über den Schwebebalken der Bedeutungsschwere. Er erklärt komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge so kompetent und prägnant, wie es in Deutschland kaum eine Großredaktion schafft – egal, ob es um Derivate, seltene Erden oder eine US-Lotterie geht. Und dabei belässt Elsner es nicht beim Schreiben: Er diskutiert mit seinen Lesern und ist auch in anderen Blogs (und natürlich auf Twitter) präsent. Wie gut er schreibt, ist inzwischen auch Wirtschaftsmedien aufgefallen: Egal, ob Handelsblatt Online oder CFO-World – der Blick-Log-Macher ist ein gefragter Gastautor. Damit ist der Bielefelder ein Rollenmodell für den digitalen Journalismus. Nur: Elsner ist kein Journalist – sondern Mittelstands- und Bankberater, das „Blick Log“ also keine arbeitsvertragliche Pflicht, sondern pure Leidenschaft. Ein Grund mehr, dieses bemerkenswerte Blog auszuzeichnen.

2. Preis: Fazit – das Wirtschaftsblog
Die Fazit-Blogger, das sind zehn Redakteurinnen und Redakteure aus dem Wirtschaftsressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die gelegentlich durch Gastautoren verstärkt werden. Die FAZ gehört zu den Flaggschiffen der Wirtschaftspresse in Deutschland. Ihre Fachkompetenz behauptet nicht nur der bekannte Werbespruch: Dass immer ein kluger Kopf dahinter steckt, wird im Fall der gedruckten FAZ auch unter Experten kaum bestritten. Nun kommen die Köpfe aus der Deckung und werden sichtbar: Im Blog vertreten die FAZ-Redakteure nicht nur ihren Standpunkt und erläutern das Wirtschaftsgeschehen auf gewohnt hohem Niveau, sondern kommen auch mit ihren Lesern ins Gespräch. Der Ton wird dadurch flotter, manchmal sogar polemisch. Doch die Seriosität bleibt stets gewahrt. Das sorgfältige Abwägen von Argumenten steht immer im Vordergrund. Das Blog hechelt nicht dem Tagesgeschehen hinterher, sondern setzt auf Langsamkeit und Tiefe. Oft werden Bezüge zur akademischen Debatte hergestellt. Auch in der unaufdringlichen Gestaltung bleibt das Fazit-Blog dem Zeitungsstil treu – und könnte hier noch etwas wagemutiger werden.

3. Preis: Never Mind The Markets
Was haben Schweizer Finanzjournalisten mit den Sex Pistols am Hut? Nun: Mark Dittli und Markus Diem Meier, Chefredakteure der Zeitung „Finanz- und Wirtschaft“, haben sich gemeinsam mit dem Zürcher Wirtschaftsprofessor Tobias Straumann von der einstigen Punkband und ihrer einzigen LP „Never Mind The Bollocks“ für ihren Blog „Never Mind The Markets“ inspirieren lassen. Zumindest, was den Titel und die Titelgrafik anbelangt. Das war es dann aber auch schon. Das Blog spricht den Nutzer direkt an: cooler Titel, tolle Bilder, optisch super gemacht. Die Texte sind fundiert, die Kommentar-Intensität ist hoch. Videos ergänzen die Artikel. Insgesamt richtig gut gemacht, macht Spaß zu lesen. Manchmal würden wir uns eine Unterbrechung im Text mit „hier weiterlesen“ wünschen. Das Blog wirkt frisch, die Porträts der Autoren befinden sich direkt auf der Startseite, zudem liefert es viel Raum für Dossiers und Hintergründe. Die Möglichkeiten des Internets werden hier schön genutzt. Das Blog spielt mit Zitaten, Videos und Grafiken. Also kein Chaos, rüpelhafter Ton oder pure Provokation, sondern solider Journalismus, der unterhält und lesenswert ist. Die Texte sind allerdings meinungsstark, und die Autoren nehmen kein Blatt vor den Mund. „Die Ökonomie des ‘Shit happens‘“, „Die wahre Bombe liegt in Spanien“ oder „Europas Rendezvous mit dem Kollaps“ sind nur einige schöne Beispiele dafür, die zeigen, dass sich hinter „Never Mind The Markets“ eben doch „Business-Punks“ verbergen. Dittli, Meier und Straumann beherrschen allerdings im Gegensatz zu Sid Vicious & Co. mehr als nur drei Akkorde. Sie beeindrucken durch Fachwissen und verzichten auf einen belehrenden Ton. „Never Mind The Markets“ hat es deshalb verdient, ausgezeichnet zu werden!

Sonderpreis der Jury: Die wunderbare Welt der Wirtschaft
Mit dem Sonderpreis soll ein Weblog ausgezeichnet werden, das im Vergleich zu professionell unterhaltenen Blogs – worunter etwa die „Ableger“ von Print und TV zu verstehen sind – wenig Chancen oder etwas Besonderes vorzuweisen hat. Letzteres trifft für das Blog „Die wunderbare Welt der Wirtschaft“ zu. Die Jury würdigt damit die besondere Tiefe und das äußerst profunde Wirtschaftswissen, die dieses Blog auszeichnen. Sein Betreiber widmet sich vornehmlich ökonomischen Themen – und das mit seiner gesamten Leidenschaft und einem ganz eigenen Stil. Auch wenn zum Verständnis des Blog teilweise ein hohes Spezialwissen erforderlich ist, zieht es immer wieder neue Interessenten an und treibt so wichtige Themen aus der Wirtschafts- und Finanzwelt voran. Das optisch nicht gerade attraktive Bild des Blog wird durch die hohe inhaltliche Qualität der Beiträge bei weitem ausgeglichen.

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