Medien

Begründung der Jury zum finanzblog award 2011

Dr. Thorsten Reitmeyer im Gespräch mit Moderator Jörg ThadeuszQuickborn/ Frankfurt am Main, 14. April 2011. Hochs und Tiefs an den Börsen, Verluste und Gewinne in manchmal astronomischer Höhe, das Entstehen und Platzen von Blasen, Finanz- und Bankenkrise – das sind die Meldungen, die große und kleine Anleger erreichen. Schnelle, aber auch sorgfältig geprüfte Informationen, Interpretation und Prognose mit Augenmaß, Empfehlungen, die dem Risiko gerecht werden – dies sind Anforderungen an eine seriöse Finanzberichterstattung. Im Internet hat sich mit den Finanzblogs eine neue Variante dieser journalistischen Sparte herausgebildet, die auf großes Nutzerinteresse stößt. Die besten unter ihnen werden 2011 erstmals mit dem comdirect finanzblog award ausgezeichnet.

Weblogs im Allgemeinen, aber auch Finanzblogs im Besonderen, sind ein sehr vielfältiges Genre, dessen Vertreter sich nicht über einen Kamm scheren lassen. Unter den Vorschlägen für den comdirect finanzblog award waren Blogs, die Redakteure von Presse und Rundfunk verfassen, aber auch Online-Tagebücher von freien Journalisten, Börsenprofis und Freizeitbloggern. Die vierköpfige Jury berücksichtigte die unterschiedlichen Voraussetzungen, unter denen ein Finanzblog geführt wird, und ließ auch unterschiedliche Zielgruppen zu: Die Blogs konnten sich an Experten oder an Kleinanleger wenden. Die ausgezeichneten Angebote spiegeln die Vielfalt der Finanz-Blogosphäre wider.

Zentraler Maßstab für die Jury-Entscheidungen war die journalistische Qualität. Standards wie die Offenlegung des Anbieternamens in einem Impressum und Unabhängigkeit von fremden Einzelinteressen mussten zwingend eingehalten werden, damit ein Blog in die engere Wahl kommen konnte. Wichtige Kriterien waren auch das Fachwissen in Finanzfragen, die verantwortungsvolle Bewertung von Anlagemöglichkeiten und die Fähigkeit, mit den neuen Möglichkeiten des Internets umzugehen. Dazu zählten kommentierende Verweise und Quellenbelege durch externe Links, Beständigkeit und Aktualität, die Fähigkeit, Debatten anzustoßen und zu moderieren, aber auch die Bereitschaft, Kritik anzunehmen und „auf Augenhöhe“ mit anderen Nutzern zu diskutieren. Die Jury legte Wert darauf, dass die Blogs die sachlich-trockene, auf Tagesaktualität fixierte Finanzberichterstattung in Presse und Rundfunk sinnvoll ergänzen. Dies konnte durch einen subjektiv-erzählenden Stil geschehen, wie er für Blogger typisch ist, durch die Einordnung des Tagesgeschehens in den größeren Zusammenhang oder die Vermittlung von Hintergrundwissen. Da Finanzblogs über einen sensiblen Bereich berichten, werden auch Mut zu Kritik und investigative Recherche von ihnen verlangt.

Insgesamt gewann die Jury den Eindruck, dass – besonders im Vergleich mit den führenden englischsprachigen Finanzblogs – noch Luft „nach oben“ bleibt. Dies gilt für die Expertise, Gestaltung, multimediale Aufbereitung und Verständlichkeit. Die Mehrzahl der Blogs richtet sich an Insider, die bereits über ein großes Vorwissen verfügen. Die Jury versteht den Preis als Ansporn und die mit Preisen bedachten Blogs als Vorbilder für die Weiterentwicklung der Finanzblogs im deutschsprachigen Raum.

Würdigung für den ersten Preis: Die Börsenblogger
Joachim Goldberg übergibt den 1. Preis an die BörsenbloggerDie Jury lobt die „Börsenblogger“ als nützliche, pragmatisch orientierte Informationsdrehscheibe mit konkreten Tipps und Analysen, die von erfahrenen Finanzjournalisten geschrieben werden. Eine Besonderheit ist die fast tägliche Presseschau mit verlinkten Querverweisen zu relevanten News und Hintergrundartikeln über das Börsengeschehen. Die Vielzahl der Rubriken lädt zum Stöbern ein (auch wenn nicht immer auf Anhieb klar ist, was sich hinter einem Rubrikennamen verbirgt). Auch Ausspielkanäle wie Newsletter, Facebook und Twitter werden eingesetzt, um die Leser umfassend und schnell zu informieren. Das Weblog wird im Randbereich der Seiten von Werbeflächen dominiert, was der Orientierung der Leser zwar etwas abträglich ist, jedoch unverzichtbar für die Refinanzierung ist.

Würdigung für den zweiten Preis: Best Börsen Blog
Stefan Wolf und Michael Best von Best Börsen Blog freuen sich über den 2. PreisDas Best Börsen Blog liefert privaten Anlegern fundiertes Finanzwissen, das sauber recherchiert, verständlich und unaufgeregt vermittelt wird. Das noch junge Blog ist in das breite Angebot von boerse.ARD.de eingebunden und wird dem inhaltlichen Anspruch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerecht. Noch begnügen sich die beiden Autoren, Michael Best und Stefan Wolff, in ihren Blog-Postings mit Text pur. Erstaunlich groß ist die Zahl der Kommentare, und ungewöhnlich für ein öffentlich-rechtliches Angebot ist die Bereitschaft der Redakteure, sich auf die Diskussion mit ihren Lesern einzulassen.

Würdigung für den dritten Preis: Investors Inside
Lothar Lochmeier hält die Laudatio für das Blog Investors Inside, den Gewinner des 3. PreisesLars Röhrig, obwohl kein Finanzjournalist von Beruf, schreibt mit hoher Frequenz und Aktualität. Er liefert fundiertes Wissen über Einzelwerte, besonders aus dem TecDax, für seine Leserschaft. Die starke Nutzung dürfte auf den guten Mix aus charttechnischer Analyse und persönlicher Färbung zurückzuführen sein. Unklar bleibt gelegentlich, warum er zu einem bestimmten Zeitpunkt diese oder jene Aktie oder Branche in den Fokus rückt. Er scheut sich nicht davor, an Unternehmen kritische Fragen zu richten und Kommentare zum Finanzgeschehen abzugeben, die sich nicht nur an Gewinn und Verlust orientieren. So kritisierte er zum Beispiel, dass an den Kapitalmärkten aus der nuklearen Katastrophe in Japan Profit gezogen wird. Design und Navigation sind anspruchsvoll gestaltet.

Würdigung für den Sonderpreis: Ökonomenstimme
Prof. Dr. Christoph Neuberger überreicht den Sonderpreis an ÖkonomenstimmeGestandene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wagen sich auf ungewohntes Terrain. Statt am Katheder im Hörsaal, auf einer wissenschaftlichen Konferenz oder in einer Fachzeitschrift stellen sie ihre Forschungsergebnisse in einem Gruppenblog vor, das von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich eingerichtet wurde. Dies beschleunigt nicht nur die Verbreitung von volkswirtschaftlichen Erkenntnissen im Kollegenkreis, sondern gibt auch ambitionierten Nichtwissenschaftlern die Gelegenheit, sich intensiver mit ökonomischen Grundlagen zu beschäftigen. Nicht jedem Autor gelingt der Brückenschlag zwischen der akademischen Welt und der Praxis, nicht immer wird ein aktueller Bezug hergestellt, nicht jeder Beitrag besitzt die Kürze eines Blog-Postings, auch wenn die Obergrenze von 10.000 Zeichen jedes übliche Maß in der Wissenschaft weit unterschreitet. Dennoch: Dieser Versuch beeindruckt — auch wegen der langen Autorenliste, in der sich viele renommierte Namen finden. Bestechend sind vor allem die durchdachte „Verschlagwortung“ und das feinmaschige Themenarchiv, das eine gute Orientierung bietet.

Comments are closed.